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Gloria Van Krimpen

Gloria Van Krimpen – eine Künstlerin im Interview

Samya Alvarez, 05.07.2019

Relativ locker, sehr lebhaft und eher antiauthoritär. Diese Frau hat Wumms und sie weiß genau was sie tut. In ihrer Arbeit mit Kindern macht sie die Welt ein kleines Stückchen besser, Woche für Woche. Ich habe mich mit ihr getroffen.

Wenn sie über ihre Kinder redet, hebt sie leicht die Stimme an. Sie rutscht dann in dieses typische Sprachmuster, welches man benutzt, wenn man kleine Menschen direkt anspricht. Dafür muss nicht mal ein Kind in der Nähe sein. Dann zieht sie ihre Augenbrauen etwas hoch. Die Lachfältchen, die dann um ihre hellblauen Augen stärker werden, verraten wie gern sie über ihre Kinder spricht.

Gloria Van Krimpen ist Künstlerin in der Lichtwarkschule, eine gemeinnützige Initiative zur künstlerischen Förderung von Kindern in den Brennpunkten Hamburgs. „Starke Kinder durch Kunst“ ist ihr Motto.

In Glorias Klassenraum dürfen Kinder malen, gestalten und basteln. Komplett ohne Wertung und Noten. Sie betreut verschiedene „Farbmäuse“-Kurse, gefüllt mit Fünf- bis Sechsjährigen. Es ist ihr wichtig, dass die Schüler nicht bewertet werden, damit die Angst vor`m weißen Blatt Papier gar nicht erst entsteht. Der Schwerpunkt von Glorias Arbeit liegt bei den Materialien. Wie fühlt es sich an mit den Fingern auf Papier zu malen? Wie sieht es mit Kleister aus? Das Gefühl ist anders, wenn man Sand in den Kleister mischt. Die Kinder sollen an Möglichkeiten und Größe gewinnen. Sie sollen ihre Fähigkeiten austesten und herausfinden, was alles machbar ist.

Ich habe mich in einem Café mit Gloria getroffen und  über ihre Arbeit interviewt.

Samya: Du bist eine der festangestellten Künstler bei der Lichtwarkschule. Welche Ausbildung hast du in diesem Bereich absolviert?

Gloria: Ich habe eine Pädagogische Ausbildung hinter mir. Das ist natürlich wichtig. Seit 22 Jahren arbeite ich mit Kindern.

Samya: Wie lange arbeitest du bei der Lichtwarkschule?

Gloria: Zehn Jahre.

Samya: Nicht schlecht!

Gloria: (Sie nickt) Ich bin in Rotterdam aufgewachsen. Sehr multikulti und ich finde das hilft bei meiner Arbeit enorm. Ich hab mit 16 Jahren meine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, habe auch zwischenzeitlich in Singapur mit Kindern gearbeitet. Ich habe zusätzlich sieben Jahre eine Kunstschule besucht. Irgendwann ist mein Fokus dann von reiner Pädagogik auf Kunst gedriftet und jetzt bin ich bei der Lichtwark gelandet und leite jetzt den „Farbmäuse“-Kurs.

Samya: Wie sieht so ein Kurs aus?

Gloria: Meine Kinder sind im Vorschulalter, ungefähr fünf bis sechs Jahre alt. Im Rahmen des Vormittages verbringe ich dann einmal die Woche 60 Minuten mit einer Gruppe. Wir teilen die Klasse, in der wir arbeiten, dann in zwei Gruppen, damit wir näher an den Kindern arbeiten können. Das sind ungefähr acht Kinder auf einmal.

Samya: Wer ist wir?

Gloria: Ein freiwilliger Helfer und meine Wenigkeit. Ich habe immer mindestens eine Person, die sich ein Schuljahr verpflichtet und mir unter die Arme greift. Da ist es wichtig, dass dieser Mensch auch das ganze Schuljahr da bleibt, um die Kinder nicht zu irritieren. Die Kinder werden natürlich anhänglich und gewöhnen sich an ihre Lehrer.

Ja, dann steht einmal pro Halbjahr ein Museumsbesuch an und zweimal im Jahr wird die Kunst der Schüler im Stadtteil ausgestellt. Dazu kommt ein Kinderfest im Völkerkundemuseum.

Samya: Ist das dann Unterricht, wie wir ihn aus der Schule kennen? Geht es darum hauptsächlich Wissen zu vermitteln, mit Noten und Tests?

Gloria: Auf gar keinen Fall! Natürlich vermitteln wir Wissen, aber es ist mir extrem wichtig, dass kein Leistungsdruck da ist. Jeder Mensch denkt anders, da ist das Outcome ganz unterschiedlich. Die Entwicklungsstände sind ja auch völlig verschieden. Wir bewerten die Arbeiten nicht. Es gibt ein an die Kinder angelehntes Thema, zum Beispiel Jahreszeiten. Viele wissen gar nicht, dass Blumen aus Samen wachsen. Oder was den Frühling vom Winter unterscheidet.

Was manchmal auch schwierig ist, das denkt man so gar nicht, ist Papier reißen. Wenn wir zum Beispiel etwas kleistern wollen. Die motorischen Fähigkeiten sind durch Fernsehen und Co. nicht ausgebildet genug. Vielleicht mögen die Kinder vom Kopf total weit sein, aber die Basis fehlt um selbst kreativ etwas zu erschaffen. Das üben die dann im Kurs.

Samya: Existiert so etwas wie ein Lehrplan an der Lichtwark?

Gloria: Ein Oberthema. Aber das schätze ich an der Lichtwark so sehr, jeder Künstler hat die Freiheit selbst zu entscheiden, wie er oder sie arbeitet.

Samya: Wie arbeitest du am liebsten?

Gloria: Mein Schwerpunkt liegt bei den Materialien. Privat arbeite ich viel an Collagen und so arbeite ich auch am liebsten mit den Kindern. Wir erschaffen Blumencollagen mit Wachs- und Wasserfarbe, Wolle und Papier-Schnipseln. Das Sinnliche ist mir wichtig. Wie fühlt es sich an mit dem Pinsel über ein Papier zu streichen? Ist die Sensation anders, wenn wir Kleister benutzen? Was passiert, wenn wir den Kleister mit Sand vermischen?

Samya: Für mich bitte durch einen typischen Vormittag.

Gloria:  Also, ich stehe um halb sieben auf und fahre in die Veddler Blase. (Sie lacht). Veddel ist wie ein eigenes Dorf inmitten der Großstadt. Die Infrastruktur ist grausam, es gibt nur einen Penny und lange Zeit gab‘s nicht einmal eine Apotheke. Aber jeder kennt jeden. Und jeder, vom Grundschüler bis zum Abiturienten, geht auf diese Fritz-Schumacher-Schule, beziehungsweise jeder ist mal auf diese riesige Schule gegangen.

Um kurz vor acht bereiten wir dann den Unterricht vor, und um acht gehen wir gemeinsam die erste Gruppe Farbmäuse abholen.

Samya: Der Unterricht findet dann im Klassenraum statt?

Gloria: Nein, das wäre katastrophal. Wir sind in einer Werkstatt und der Raumwechsel ist total gut. Erstens fällt das Meiste des Hinterherputzens weg und zweitens verbinden die Kinder diesen Raum nicht mit dem normalen Schulalltag. Außerdem machen wir auch manchmal eine Sauerei (lacht) und das ist auch wichtig!

Auf jeden Fall sind beim Abholen der Kinder die Rituale ganz wichtig. Da sind ein paar zwischen, die sich so sehr freuen uns zu sehen, dass sie uns stürmisch um den Hals fallen. Am Anfang ist ganz wichtig: Ich sehe dich! Was erzählt werden muss wird erzählt und dann gehen wir gemeinsam hoch zur Werkstatt.

Samya: Eine Sauerei, dass die Kinder sich gegenseitig anmalen, statt das Papier, oder wie sieht das aus?

Gloria: Wasser! Ganz viel Wasser. Spätestens am Ende des Unterrichts. Vor allem die Jungs stehen total auf das Ritual die Tische zu wischen. Ich glaube, weil es dreckig ist. Aber auch während des Unterrichts, wenn wir zeichnen und die Kinder malen, durch das Papier auf den Tisch. Sauerei. Aber meine Schuld, weil ich zu dünnes Papier ausgeteilt habe. Außerdem ist Dreck toll. Es erweitert den Horizont. Wenn wir mit Wasserfarbe malen und das Kind über das Blatt hinaus auf den Tisch malt, zum Beispiel. Auf dem Blatt ist ein Bild, aber wenn wir dieses Blatt hochheben, entsteht etwas völlig Neues. Dann hat das Kind einen Rahmen erschaffen! Ja und Gott, dann wischt man das halt später wieder weg. Ist ja nicht das Ende der Welt.

Samya: Da braucht man aber eine ganz schöne Geduld und Ausdauer für. Ich glaube, die meisten Eltern würden die Krise kriegen, wenn das Kind auf den Tisch kritzelt.

Gloria: Hat auch etwas mit Selbstreflexion zu tun. Ich finde, man muss sich immer fragen: Warum verbiete ich das jetzt? Sind das meine Bedürfnisse? Also das Bedürfnis nach Sauberkeit, oder schadet es wirklich? Es muss doch nicht am Blattrand Schluss sein! Wortwörtlich. Außerdem habe ich keine Kinder (lacht).

Samya: Ja, da kann ich mir vorstellen ist die Geduld etwas größer. Wenn man die Kinder wieder abgeben kann.

Gloria: Ja! (lacht) Aber ich brauche es auch nicht, ich arbeite seit 22 Jahren mit Kindern. Ich habe auch kein Bedürfnis mehr nach Eigenen.

Ich habe im Unterricht meine Prinzipien, aber übertriebene Ordnung hat nun bei Kunst mit Kindern wirklich nichts zu suchen. Die Atmosphäre ist mir wichtig. Es geht um Wertschätzung und Respekt. Mir gegenüber, den Mitschülern und den Materialien. Es gibt klare Regeln und natürlich schimpfe ich auch mal. Kinder sind nicht einfach, vor allem nicht in Brennpunkten. Aber ich appelliere an der Empathie der Kinder und die Nachricht kommt an, es funktioniert. Kein Tag ist gleich und es ist auch anstrengend, aber ich habe immer etwas zu lachen.

Bei mir wird auch keiner gezwungen. Wenn einer partout die Aufgabe nicht machen will, wird das schon einen Grund haben.

Samya: Ist die pädagogische Aufgabe der Lichtwark eher Trauma Bewältigung oder geht es einfach nur um das kreative Entfalten?

Gloria: Kreativarbeit und Beziehungsarbeit. Es geht ja nicht nur ums Malen. Meine Arbeit an der Lichtwarkschule bildet in erster Linie das Selbstvertrauen, das was man selbst macht ist gut und es ist okay. Die Kinder sollen das Gefühl bekommen, dass sie sich ausprobieren können und dann sollen sie an Größe und Möglichkeiten gewinnen. Ich bin auch kein Fan vom “Vermalen”, weil Kinder gerne einfach nachmachen was ihnen gezeigt wird. Und manche Kinder von denen man nicht so viel erwartet, entwickeln dann am Ende zum Beispiel ein hammermäßiges Farbgefühl. Im Künstlerischen darf man nicht zu viel im Kopf haben, man muss sich auf das Phantasievolle einlassen! Und genau das ist das Geniale an Kindern im Vorschulalter. Das ist eine mystische Zeit. Ich kann von Zwergen reden und Drachen und sie stellen das nicht in Frage. Im Idealfall hat für sie der Ernst des Lebens noch nicht angefangen.

Sollten wir nun allerdings bemerken, dass ein Kind wirkliche Schwierigkeiten zu haben scheint, wird die Schule informiert und es gibt eine Kunst Therapeutin.

Samya: Nochmal wieder zurück zum typischen Tag (wir lachen), ihr habt dann ein Projekt für die Stunde und dann?

Gloria: Also ich mache mit beiden Gruppen das gleiche Projekt, klar, und nach der Begrüßung wird erstmal erklärt, was wir heute machen. Ich arbeite gerne übergreifend mit Bildern, Liedern und Reimen. Ich habe auch keine Hemmungen, den Kindern verschiedene Materialien gleichzeitig vorzustellen und mit einzubeziehen, genauso wie ich selber arbeite. Ich schätze an der Lichtwark die Hochwertigkeit der Materialien. Und dann ist den Kindern auch ganz wichtig wer das Papier verteilen darf! Das ist auch so ein Ritual. Am Ende jeder Stunde gucken wir uns die Kunstwerke an wenn Zeit ist, dann ist 30 Minuten Leerlauf und dann kommt Gruppe Nummer zwei.

Samya: Und dann fängt alles nochmal von vorne an.

Gloria: Genau.

Samya: Du hast gerade deine eigene Arbeit erwählt. Wie arbeitest du denn?

Gloria: Also ich habe mich auf Nichts festgelegt, aber in den letzten Jahren lag mein künstlerischer Schwerpunkt auf Installationen. Dazu zählen räumliche Installationen mit Möbeln oder Collagen, Fotographie und abstrakte Malerei. Ich mache eigentlich alles, wo ich mich ran traue. Ich habe auch mal drei Monate mit einem Huhn zusammengelebt.

Samya: Auch selbst ausgebrütet?

Gloria: Ja! Mein Freund ist Vogelbiologe, außerdem sind wir beide Vegetarier. Also habe ich ein Huhn ausgebrütet, und es übrigens Kükie genannt, und dann ihr und mein Gesicht fotografisch gemorpht.

Samya: Kükie, wie süß.

Gloria: Kükie war ein sehr kuscheliges Huhn.

Samya: Also doch auch politisch, beziehungsweise moralisch.

Gloria: Naja, woran ich Spaß habe ist ein gewisser Humor und eine gewisse Provokation. Aber Provokation ist relativ und am Ende mache ich keine Politik, ich mache Kunst! Ich will nicht belehren. Es geht um den Ausdruck meiner Gedanken und Ideen zu einem bestimmten Thema. Das ist dann eben auch gesellschaftskritisch.

Samya: Ich finde eine gewisse Gesellschaftskritik braucht es auch, um die Gesellschaft voran zu treiben.

Gloria: Ich finde Menschen brauchen einfach einen Weg, um für ihre Bilder und Phantasien ein Ausdrucksmittel zu finden. Natürlich gibt es einige Menschen auf dieser Welt, dessen Phantasien auf gar keinen Fall veröffentlicht werden sollten, aber in diesem Fall reden wir von Kindern. Kinder sind unschuldig, neugierig und probieren alles aus. Sie sind noch nicht so stark in diesem furchtbaren Bewertungssystem drin.

Samya: Es läuft schon so Einiges schief in dieser Welt.

Gloria: Ja, aber es gibt einen Weg, die Welt noch zu retten. Da glaube ich fest dran, ich bin ja kein Pessimist. Den ganzen Schaden, den die Menschen auf dieser Erde angerichtet haben, kann man noch rückgängig machen. Die Kinder werden etwas Positives mitnehmen. Und auch, wenn sie den Unterricht vergessen, werden sie eine positive Entwicklung mitgenommen haben.

Samya: Ist das der Grund, warum du diesen Job machst?

Gloria: Ich halte es für eine sinnvolle Aufgabe. Und ich finde, man sollte sich philosophisch fragen, ob man einen Beruf will oder einen Job. Fragt man sich am Ende des Lebens: Habe ich mich verwirklicht oder von meinem wahren Wesen abgekoppelt? Ich mag Kinder, ich habe Freude an ihrer Kreativität. Ich kann Kunst machen und damit Geld verdienen. Deshalb mache ich es.

Liebe liegt in der Luft! Foto: Hanf! Hamburg

Der Kiez. Unsere Reeperbahn. Unsere Kultur?

Jenny Hanf, 19.06.2019

Pssst, rutscht näher heran, dann verrate ich euch ein Geheimnis! Noch näher! Heute erzähle ich euch etwas über die Sünden in Hamburg. 

Wie ihr ja bestimmt wisst, hat Hamburg einiges an Kunst, Sehenswürdigkeiten und Kultur zu bieten. Dazu gehört auch die sogenannte sündige Meile, unsere Reeperbahn mit dem St. Pauli Theater und der bundesweit bekannten Polizeistation, der Davidwache.

Wir Hamburger sind stolz auf unsere schöne Stadt und wir freuen uns auf Besucher jeder Couleur. Nun kommen die sensationellen Geheimnisse, das ist nichts für schwache Nerven! So unglaublich, dass ich euch jetzt die Gelegenheit gebe, diesen Artikel wegzuklicken, oder die Augen zuzuhalten. Lesen ist wunderbar und ein Teil der persönlichen Freiheit unserer Demokratie. Kann man machen, muss man aber nicht.

Noch da? Schön, weiter im Text. Haltet euch fest.

* Burger King auf der Reeperbahn, gegenüber der berühmten Davidwache, ist nicht die kulinarische Krönung von Hamburg * Die Herbertstraße ist kein Ausflugsziel mit Aussichtsplattform für Selfie-Süchtige * Die Davidwache ist keine Theaterkulisse * Das Waffenverbot ist kein Aprilscherz *

Rückblick. Vor vierhundert Jahren entstand die große Freiheit inmitten der Hansestadt für Matrosen, Reepschläger, also Taumacher und all jenen, die am Rande der Gesellschaft lebten. Der heutige Spielbudenplatz war damals das Zentrum der Zurschaustellung von entstellten, armen Kreaturen, die sich ein Zubrot verdienen wollten. Prostitution und Gaukelei in einem unansehnlichen Stadtviertel, Dreck und Gestank dominierten das illegale Treiben. Mit der Besetzung durch die Franzosen 1723 wurde die Prostitution legalisiert und der Kiez wuchs auf mehreren Ebenen zum Vergnügungsviertel. In den 60er Jahren waren „Sex, Drugs & Rock`n Roll“ an der Tagesordnung, Jimi Hendrix, die Beatles, sie kamen und prägten die 930 Meter lange Reeperbahn.

Die starke Anziehungskraft für Besucher galt nicht nur den Clubs, Theatern und Bordellen, sondern auch Bandenkriege, Frauenmorde, Zuhälter und Drogen färbten das Rotlichtmilieu immer wieder schwarz. Das Verruchte wurde gesellschaftsfähig, getrieben von Neugier und Schaulust.

Das mehrschichtige Leben im Dunkeln pulsierte, legal oder illegal und die Besucherzahl wuchs und spülte Unmengen Geld in unsere Kassen. In den 80ern kam Kultur und mit ihnen die kultigen Docks, die Theater, prominente Schauspieler gaben unserem Kiez ein Gesicht. Otto Normalverbraucher gönnten sich in schummrigen Bars Striptease von der Stange und genossen die Reeperbahn, so wie sie war – bunt, vergnüglich, kultig mit käuflichem kurzweiligen Glück. Ein verruchtes, schillerndes Plätzchen, direkt an der Elbe inmitten unsere schönen Hansestadt.

Heute fluten bis zu 30 Millionen Besucher im Jahr die Straßen von St. Pauli, größtenteils Touristen, die mittlerweile zur Horde Schaulustiger geworden sind. Der Promillewert jenseits von Gut und Böse, dank der 57 Kioske, die gerne flaschenweise Alkohol an Feierlustige verkaufen. Es wird die „Kiosk Epidemie“ genannt, dazu kommen 40 Bordelle, 26 Diskotheken und 10 Sexshops. Das Kulturgut Theater kann man an einer Hand abzählen, und diese kämpfen um jeden zahlenden Gast. Dafür explodieren die Rotlicht-Stadtführungen, geführt von regional bekannten Drag Queens wie Lilo Wanders oder Olivia Jones. Man erkennt Touristen leicht, in Jack Wolfskin Jacken eingehüllt, das Smartphone auf Augenhöhe, bereit für einen Schnappschuss. So einige Prostituierte sind ja fotogen. Ob sie wollen oder nicht. Höhepunkt der Stadtführungen ist das Eingangstor zur Herbertstraße, dort arbeiten 250 Frauen als Prostituierte und bieten ihre Dienste in Schaufenstern an. Ein Tor mit der Aufschrift: „Für Jugendliche und Frauen ist der Zutritt verboten“ verschließt neugierige Einblicke. Das hält nur wenige Frauen ab, den Ehemann im Schlepptau, sich der Sensationsgier hinzugeben.

Nun, das nennt sich wohl individuelle Freizeitgestaltung.

Wie komme ich eigentlich auf die absurde Idee, unsere bunte Kiez Kultur wäre gefährdet?

Der Bezirksamtschef Falco Droßmann (SPD) sieht zwar die vielfältige Kultur auf St. Pauli bedroht, zitierte aber: „Das alte St. Pauli verschwindet leider langsam, der Kiez müsse sich selber neu finden. Es liegt nicht an der Stadt, sondern die Grundeigentümer setzen die Kulturlandschaft auf dem Kiez aufs Spiel, weil versucht wird jeden Quadratmeter in Geld umzuwandeln.“ Ich dachte immer, Stadtplanung und Vergabe von Konzessionen seien Aufgabe der Politik, aber vielleicht steht dem guten Willen die Gewerbesteuern im Weg? Immerhin ist der Umsatz von Alkohol lukrativer als die der Kleinkunstbühnen. Ja, es gibt die Gewerbefreiheit, also freies Unternehmertum, aber auf wessen Rücken wird das ausgetragen?  Zudem lockerte der CDU Senat  die Ladenschlusszeiten auf unserem Kiez für die Kioske und Supermärkte, und tröpfelte damit Öl ins Feuer.

Das erinnert ein wenig an “Panem et circenses” – Brot und Spiele für das Volk, besser gesagt Dosenbrot und Doktorspiele, um diese von Protesten abzuhalten und sich zu sehr für Politik zu interessieren.

Wir sind das, was wir konsumieren. Wäre es nicht wunderbar, das schillernde Spektrum zu erhalten und wir vorher überlegen, wie wir unser sauer verdientes Geld investieren?

Was wird aus der sündigsten Meile Hamburgs, wenn sich weiterhin Fast Food Läden, Souvenir- und Sex Shops sowie Kioske nahtlos aneinander reihen?

Unsere Reeperbahn! Unsere Kultur. Unser Konsum? Unsere Entscheidung!

Kabarettist Felix Oliver Schepp, der Traum aller Schwiegermütter! Foto: Jenny Hanf

Von Schwiegersöhnen und Klabautermännern

Jenny Hanf, 22.05.2019

Wer zum Teufel ist auf die Idee gekommen, bei diesem nasskalten Wetter vor die Tür zu gehen? Ach, das war ja ich.

 
Zähneklappernd warte ich auf den Bus gen Hamburg City, genauer gesagt Nicolaifleet. Einen schönen Abend mit Freunden verbringen, Speis, Trank und Kultur, die Wahl fiel auf „Das Schiff“ - das einzige seetaugliche Schiffstheater Europas.

Seit 40 Jahren begeistert das schwimmende Theater mit Kabarett und Kleinkunst auf höchstem Niveau. Solo Programm „Hirnklopfen“ des Kabarettisten und Chanson Sängers Felix Oliver Schepp. Hirnklopfen, mein erster abstruser Gedanke: Schlaganfall? Tourette Syndrom? Ich kenne Felix von anderen Kulturabenden, als Moderator hat er ein unglaubliches Talent Menschen zusammen zu bringen und in eine Stimmung zu versetzen, die man erlebt haben muss. Aber einen ganzen Abend? Felix, Typ perfekter Schwiegersohn, passt nicht so recht in meine Vorstellung eines scharfzüngigen Kabarettisten. Zu dritt und frisch gestärkt gehen wir aus einem Restaurant über die Straße zur Nicolaibrücke, die Kulisse ist unauffällig und beeindruckend zugleich. Auf der einen Seite blitzt unsere Elbphilharmonie hinter den Hausfassaden hervor, auf der anderen die Nicolaikirche. Eine Bilderbuchszene, Hamburg bei Nacht, mittendrin das beleuchtete Theaterschiff, ruhig liegend im Fleet. Mehrere Stege verbinden das Schiff mit dem Festland. Von barrierefrei kann keine Rede sein, eher Akrobatik a là Cirque du Soleil.

Unfallfrei angekommen werden wir vom Intendanten, Heiko Schlesselmann, empfangen. Er sitzt in einem Verschlag am Eingang, kaum größer als eine Streichholzschachtel, und kümmert sich um die Eintrittskarten und die zahlreichen Fragen der ankommenden Gäste. Ich muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass dieses Theaterschiff seine Herzensangelegenheit ist. Es ist kuschelig warm, das urige Innenleben des Theaters erinnert an ein Tivoli Anfang der 20er Jahre. Meine Begleiter, Katharina und Oliver, waren noch nie hier und zücken sogleich ihre Smartphones, um Erinnerungsbilder zu machen. Alte Schiffsglocken, antiquarische Blechschilder mit skurrilen Verboten, Fotografien von Unterstützern und Freunden des Theaters zieren jeden freien Fleck vom Unterdeck. Ja, das Unterdeck mit kleinen Bullaugen, aber eben im Bauch des Schiffes. Unauffällig schiele ich gen Notausgang, wissentlich, dass es an diesem Abend mehr als gemütlich werden wird. Ich fühle es regelrecht, es ist wie ein Dreier-Sofa und fünf Familienmitglieder quetschen sich dazu, ist ja so schön…Das Unterdeck füllt sich, nach und nach trudeln die Gäste ein und suchen sich ihren Platz auf den ergonomisch interessanten Stühlen.

Das fröhliche Gemurmel ist ansteckend, Platzmangel fördert definitiv das Miteinander und Zugehörigkeitsgefühl. Ich bin sehr gespannt, denn ich bin kulturell verwöhnt – ich habe im Laufe der Jahre viele Bühnenauftritte verschiedenster Künstler erleben dürfen – auch auf dem Theaterschiff. Das Gemurmel in den Stuhlreihen legt sich langsam, alle Blicke zur Bühne gerichtet – sie ist so groß wie ein Klavier. Und ach, da steht ja auch ein Klavier. Mit Donnerbräu gewappnet genießen wir fast zwei Stunden wortgewaltige, kabarettistische Gratwanderungen zwischen poetischer Alltagscomedy und virtuosen Klavierklängen. Mir schießen die Tränen in die Augen vor lachen, der Felix, der jungenhafte Schwiegersohn, einfach unglaublich. Beim Klabautermann! Er wird doch nicht dieses heikle Thema aufgreifen?

Kann er einfach … ?

Doch, er kann. Und er wird.

Ein Virtuose auf der Bühne. Chapeau! Auf dem Weg nach Hause komme ich nicht umhin festzustellen, dass die gnadenlose Kälte von unten durch die Hosenbeine heraufkrabbelt. Macht aber nichts. Von innen ist mir entsetzlich warm, gefüllt mit Gags und musikalischen Ohrwürmern.

Demütig ziehe ich meine Wollmütze und verneige mich ganz tief vor so viel künstlerischem Talent.

In Hamburg sagt man Tschüss!
Dass heißt “Auf Wiedersehen”,
das klingt vertraut und schön,
und wer einmal in Hamburg war,
kann das gut verstehn`

Die LichtwarkSchule- Starke Kinder durch Kunst; Foto Samya Alvarez

LichtwarkSchule: Starke Kinder durch Kunst

Kevin M., 30.03.2019

Aufgegeben. Unsicher. Orientierungslos. Kinder aus gesellschaftlichen Brennpunkten haben oft nicht dieselben Chancen im Leben. Die LichtwarkSchule fängt da an, wo das Bildungssystem aufhört. Doch wie funktioniert die Förderung von Kindern über soziale und kulturelle Grenzen hinaus?

Alfred Lichtwark war Begründer der Museumspädagogik und großer Kritiker der Pädagogik seiner Zeit. Im Jahre 1896 eröffnete er als Leiter der Kunsthalle Hamburg, eine Ausstellung mit dem Thema: Wie Kinder denken und malen. Er war der Überzeugung „Kunst ist für alle da und kann allen von Nutzen sein“.

Mithilfe der Kunstbetrachtung und dessen kreativer Auseinandersetzung sorgte er für die Vermittlung von Werten und Bildung. Daran knüpft die LichtwarkSchule, eine gemeinnützige Organisation aus Hamburg, heute an.

Was kann man darunter verstehen?

Die Organisation ist eine angedockte mobile Kunstschule. Das bedeutet, sie haben keine eigenen Unterrichtsräume, sondern lehren in den entsprechenden Bildungseinrichtungen. Pro Jahr werden zwischen 300 bis 500 Hamburger Kinder, an zwölf Schulen, in acht Stadtteilen begleitet.

Dabei sind:

  • ehrenamtliche Unterstützer – vom Studenten bis zur Generation 50 plus
  • zehn bis 15 Künstlerinnen und Künstler

Einen Kurs mit Zehn Schülern leitet ein akademisch ausgebildeter Kunstschaffender, welcher mit dem pädagogischen Konzept der Organisation vertraut ist. Außerdem besitzt er eine zusätzlich zertifizierte Sprachförderung. Des Weiteren sitzt ein Freiwilliger mit im Kurs, welcher sich für mindestens ein Jahr verpflichten muss. Er hilft dem Kursleiter und schreitet bei Problemen oder Zwischenfällen ein. Um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, absolviert er eine Fortbildung.

Es gibt keine Bewertungen für die Schüler, lediglich eine Unterstützung des künstlerischen Entwicklungsprozesses. So können die Kinder ohne Angst ihrer Kreativität freien Lauf lassen und entdecken neue Denk- und Herangehensweisen. Oftmals erfahren die Schüler innerhalb dieses Konzeptes das erste Mal Wertschätzung. 

Die Werke der Kinder werden einmal im Jahr an öffentlichen Orten in den jeweiligen Stadtteilen ausgestellt. Es werden Ausflüge in Museen und Parks organisiert, um die eigene Stadt und Naturmaterialien kennenzulernen.

„Wenn wir merken, die Kleinen brauchen zusätzliche Unterstützung, können wir eingreifen. Wir sind im engen Kontakt mit Lehrern, Einrichtungen wie Stadtteilkulturzentren oder Beratungsstellen und Angeboten, die es auf sozialer Ebene gibt”, erzählt Regine Wagenblast im Interview mit Kolumne Hamburg.

Sie kümmert sich um Strategie, konzeptionelle Ausrichtung und Fundraising. Die LichtwarkSchule behält durch ihr Konzept eine gesunde Unabhängigkeit und ist immer da, wo sie gebraucht wird. Das wird vom Kess Faktor, also dem Sozialindex bestimmt. Wenn die meisten Schüler aus bildungsfernen Schichten und schwierigen Verhältnissen kommen, hat die Lehranstalt einen Sozialindex von 1. Ist das Gegenteil der Fall, liegt dieser bei 6.

„Wir sind nicht der Satellit der alles umkreist, wir sind mittendrin und sorgen in den Brennpunkten für soziale Integration“, so Wagenblast.

Effektivität

Abgesehen von dem Zuspruch und den Beobachtungen von Lehrern, wurde der Erfolg zusätzlich mithilfe einer Evaluation bewiesen. Die Durchführung der Bewertung übernahm Diplom-Psychologin Anna Sommer, für die Gesellschaft zur Förderung der angewandten Psychologie e. V.. Bei den Kursteilnehmern der Organisation wurde eine Steigerung des Selbstwertgefühls, des Lern- und Sozialverhaltens, der kulturelle Akzeptanz, sowie die Wertschätzung von Kunst und ihren eigenen kreativen Fähigkeiten festgestellt.

„Wenn wir einmal in einer Schule drin sind, kommt es in der Regel zu einer langfristigen Kooperation. Die Schulleiter erkennen und sehen die Verbesserung ihrer Schüler durch unsere Kurse“, bestätigt Regine Wagenblast die Ergebnisse der Evaluation.

Finanzierung

Finanziert wird die Einrichtung mit Honorarmitteln der Bildungsstätten und Kitas. Kees 1 Einrichtungen bekommen von der Stadt mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt und so kommen diese Projekte genau dort an, wo sie gebraucht werden. Zum Zweiten gibt es eine Förderung von Bundesprogrammen, wie zum Beispiel: „Kultur macht stark“. Und drittens durch Spenden. Ein Kurs kostet circa 6.000 Euro. Mit 480 Euro im Jahr, also 40 Euro im Monat, finanziert man ein Kind und erhöht somit dessen Bildungschancen. Man kann allerdings auch einen beliebigen Betrag entrichten. „Jede Spende hilft uns, egal wie hoch sie ist“, erläutert Regine Wagenblast.

Aussicht und Motivation

Das große Ziel für die Zukunft ist finanzielle Stabilität. Das ist die Grundvoraussetzung für eine Expansion. Dies wäre dann der nächste Schritt. Gespräche mit Einrichtungen in Schleswig Holstein werden bereits geführt. Die treibenden Kräfte der Beteiligten ergründet sich in der Überzeugung an die emotionale und bildende Wirkung von Kunst. „Das Bildungssystem fokussiert sich zu sehr auf die Leistungen und vernachlässigt die Kreativität. Die wird aber immer wichtiger. Wir müssen also auch das Bildungssystem anpassen“, so Wagenblast über ihre Beweggründe.

Diese Motivation ist nicht unbegründet. Auch der renommierte Gehirnforscher Gerald Hüther, stellt sich die Frage, wie man die Kreativität der Kinder erhalten kann. Laut Studien besitzt man in jungen Jahren 80 Prozent davon und im erwachsenen Alter nur noch sieben Prozent. Einen Großteil verliert man durch die Schulzeit. Er sagt über die Organisation: “Wenn es einen Oscar für Social Business gäbe – die gemeinnützige LichtwarkSchule hätte ihn in den Kategorien Gestaltungskraft, Kreativität und Selbstwirksamkeit mehr als verdient.“

Filmstart von Iron Sky 2, Splended Films, AIM

Make Earth Great Again – Iron Sky 2: The Coming Race

Salem M., 21.03.2019

Mondnazis, Reptilien-Menschen und eine hohle Erde. Das klingt nach einer Verschwörungstheorie, die den durch ebensolche bekannt gewordenen und  2014 verstorbenen Dr. Axel Stoll verzückt hätte. Aber es ist ein actionreicher Kinofilm, der mit einigen scharfzüngigen Referenzen für diverse Lacher sorgt.

Die Invasion der Mondnazis hat einen Atomkrieg ausgelöst. Washington D.C. wird durch einen Nuklearangriff komplett zerstört. Wolkenkratzer fallen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Sarah Pallin, die Präsidentin der USA, erreicht gerade rechtzeitig ihren Hubschrauber und wird über die brennende Stadt in die Antarktis evakuiert. Getrieben von der rücksichtslosen Kälte steigt sie ins Erdinnere hinab.

20 Jahre später befinden wir uns in einer ehemaligen Nazi-Basis auf der dunklen Seite des Mondes. Die letzten Überlebenden des Krieges vegetieren in ihrem langsam zerfallenden, hoffnungsverschlingenden Rückzugsort. Protagonistin Obi Washington (Lara Rossi) und ihre todkranke Mutter Renate Richter (Julia Dietze) kämpfen sich von Tag zu Tag. Sie sind überzeugt, die letzten ihrer Art zu sein, bis der Radar plötzlich Alarm schlägt! Ein fremdes Raumschiff dringt strauchelnd in den Luftraum ein. Insassen sind russische Flüchtlinge, angeführt vom sowjet-verliebten Piloten Sasha (Vladimir Burlakov).

Unter den Flüchtlingen reist auch der “Mondführer” Wolfgang Kortzfleisch (Udo Kier) mit. Er verschanzt sich in seinem ehemaligen Büro, doch Obi folgt ihm und erfährt so von den Echsen-Menschen, auch genannt Vril. Der einzige Weg, ihre Mutter und die anderen in der baufälligen Basis zu retten sei der heilige Gral, welcher eine unerschöpfliche Kraft enthält. Ob Bekämpfung von Krankheiten oder Bereitstellung von Energie aller Art: Sie löst alle Probleme der Gestrandeten. Renate ist Anhängerin des Jobismus, eines religiösen Kults, der Apple-Schöpfer Steve Jobs und all seine Produkte vergöttert. Dessen Oberhaupt Donald und seine engsten Vertrauten schließen sich Obis Mission an. Zusammen mit Sasha und Wachmann Malcolm (Kit Dale) macht sich die Gruppe auf den Weg zur hohlen Erde.

Wie bereits der Vorgänger wurde Iron Sky 2 – The Coming Race hauptsächlich durch Crowdfunding finanziert. Er sollte letztes Jahr in die Kinos kommen, doch seit 2016 kam es immer wieder zu Verschiebungen, die die Fans warten ließen. Hat es sich gelohnt? Jein.

Viele der Gags sind mehr als abgedroschen, andere dafür umso genialer. Die Spezialeffekte wirken, als hätte man sie aus dem Jahr 2005 geklaut. Manchmal ist man sich nicht sicher, ob es sich um Computer generierte Bilder oder eine Knet-Animation handelt. Auch die Action wirkt von Höhepunkt zu Höhepunkt immer erzwungener. Sie reiht sich auf, wie an einer Perlenkette, die kein Ende nimmt. Dieses sehnt man nach zwei Drittel der Spielzeit förmlich herbei. Dann, der Abschluss. Doch nicht… ein weiterer teils ermüdender Witz.  Im Finale geht es zum Mars. Die Offenbarung, wer diesen vereinnahmt hat, entlockt  immerhin einen ehrlichen Schmunzler. Wie es sich in der Kinolandschaft gehört, wird Raum für eine weitere mögliche Fortsetzung der Reihe geschaffen.

Im Vergleich zum ersten Iron Sky hat The Coming Race nachgelassen, die Lacher durch absurden Humor aber nicht. Er eignet sich hervorragend für einen feucht-fröhlichen Trashfilm-Abend mit guten Freunden. Und ist seit heute in den deutschen Kinos.

 

Quidditch_Sucher-und-Schnatz

Fantastische Sportler und wo sie zu finden sind

Salem M., 01.03.2019

Das klingt wie Zauberei: Am Pfingstwochenende passiert etwas Magisches bei uns im Norden. Die deutsche Meisterschaft im Quidditch kommt nach Tornesch bei Hamburg!Kein billiger Trick a la David Copperfield, sondern knallharter Kontaktsport. Man stelle sich darunter eine Mischung aus Rugby, Völkerball, Handball mit einer Prise Fangenspielen vor. Die Idee dazu hatte Autorin J.K. Rowling damals, als sie die Harry-Potter-Romane schrieb. Die Amerikaner Xander Manshel und Alex Benepe haben den Zauberersport 2005 in die Realität geholt. Und seither hat sich viel verändert.

Hier einmal die Regeln in Kürze: Jedes Team hat 7 Spieler*innen. Drei davon heißen Chaser (Jäger) und tragen ein weißes Stirnband. Sie versuchen den Quaffel – einen nicht ganz voll aufgepumpten Volleyball – durch die Torringe ihrer Gegner*innen zu werfen. Pro Tor gibt es zehn Punkte. Der Keeper (Hüter) mit dem grünen Kopfschmuck versucht, die gegnerischen Chaser genau davon abzuhalten. Zwei Beater (Treiber) unterstützen ihn dabei, indem sie gezielt Spieler*innen mit ihren Bludgern – Dodgeballs – abwerfen. Sie tragen ein schwarzes Stirnband. Wer von einem Bludger getroffen wurde, darf nicht am Spielgeschehen teilnehmen, bis er vom Besen abgestiegen und zu den eigenen Torringen zurückgelaufen ist. Das Spiel endet, wenn der Seeker (Sucher) den berühmten Schnatz gefangen hat. Das gibt zusätzlich 30 Punkte.

Das aktuelle Regelwerk der International Quidditch Association umfasst auf etwa 300 Seiten alles, was über diese Erklärungen hinaus geht. Sogar Details wie die Abmessungen der Schnatz-Socke sind darin festgelegt!

Vom College-Campus schwappte die Welle spätestens 2016 auch zu uns nach Deutschland hinüber; es war das Jahr der Quidditch-Weltmeisterschaft in Frankfurt am Main. Mit diesem Event startete ein regelrechter Boom, der innerhalb der letzten drei Jahre die Anzahl der Teams im deutschen Quidditchbund von einer Handvoll auf über 40 hochschnellen lies. In unserer Hansestadt gründete sich sogar ein Verein – der Quidditch Club Hamburg e.V.

Hier gehen die Hamburg Werewolves dem rasanten Besenspiel nach und freuen sich auf den Wettkampf mit Heimvorteil. Sie trainieren sonntags um 11 Uhr im Stadtpark auf der großen Festwiese. Neulinge sind jederzeit willkommen. Vor etwa zwei Jahren kam Katrin dazu. Mittlerweile ist sie Co-Captain des Hauptkaders und trainiert auch im Entwicklungsteam der Nationalmannschaft mit.

Für mich ist das Schönste an Quidditch, dass sich jeder ausprobieren und seinen Platz im Team finden kann. 

Zweimal sind die Wölfe schon Meister ihrer Regionalliga geworden – die Arbeit am Triple sieht bisher gut aus. Vielleicht wird es dieses Jahr ja auch der Titel “Deutscher Meister 2019″? Zumindest in die Top Fünf möchten die Lykaner wieder. Mit einigen Nationalspieler*innen im Team scheint das keine große Schwierigkeit zu werden. Aber die Konkurrenz ist stark, da heißt es an Pfingsten: Daumendrücken in Tornesch!

Hummel Hummel – Mond Mond! – So der Schlachtruf des Hamburger Rudels.

Foto: Van Klaveren – Quidditch Photography 

Planetarium im Hamburger Stadtpark

Eine knappe Sternenstunde

Kevin M., 20.02.2019

Das Gefühl von Geborgenheit, völlige Dunkelheit und Stimmen die man hört, aber nicht unbedingt versteht. Was klingt wie eine Beschreibung des wohligen Mutterleibes, ist in Wahrheit die Vorstellung “Das Phantom des Universums” im Planetarium Hamburg.

Der Koloss von Gebäude erstreckt sich im Stadtpark und trotzt Witterung und Hunde-Urin. Er bietet Schutz vor Kälte für die, die ihren Durst der Neugier mit Wissen löschen möchten. Oder denen die sich ganz einfach an Speisen und Getränken des Nordstern Cafés laben und gepflegte Toiletten schätzen.

Für erstere wartet der runde Sternensaal, nachdem man all sein Hab und Gut in dafür vorgesehene Fächer verstaut hat. In diesem steht recht mittig der leistungsstarke, kugelförmige Sternenprojektor mit etwa einem Meter Durchmesser. Die roten Sitze mit ihren dicken, weichen Polstern lassen sich mithilfe des Wohlfühlknopfes zu einer Liege umfunktionieren. Während die Augen schwer werden in diesen viel zu bequemen Sitzmobiliar, fachsimpeln die Techniknerds vor Vorstellungsbeginn noch über die Kosten und Leistungsstärker der atemberaubenden 20,6 Meter Durchmesser großen Sternenkuppel der Firma Spitz.

Die seichte und begeisterte Stimme des Universumsführers oder wie man das an einem solchen Ort galant bezeichnen möchte, bewahrt einem den Tiefschlaf. Zu allererst geht es nicht um das eigentlich Thema “Dunkle Materie”, viel mehr wirft man einen Blick auf den Hamburger Abendhimmel. Überraschend was man da so alles entdecken kann, von sämtlichen Tierkreiszeichen, über Hunde und Jäger, bis hin zum Planeten Mars. Nicht fehlen darf während der Vorstellung das Husten der anderen Teilnehmer, denn ein Raum voller Menschen, ohne dass einer den klassischen Ruf einer Erkältung vollzieht ,wirkt unglaubhaft.

Die Inszenierung ist gelungen und wirkt traumhaft, besonders bei der Simulation eines ländlichen Firmaments bei Nacht. All die wunderschönen Himmelskörper, Sternschnuppen, Planeten und die Milchstraße, lassen einen wieder realisieren das man ein kleiner Erdbewohner ist. Wortwörtlich wird man geerdet und vergisst seine kleinen Problemchen und genießt einfach die Schönheit der Natur.

Danach gibt es einen Film, in dem man das Gefühl hat mittendrin zu sein und teilweise hin und her zu schaukeln. Man ist auch hin und hergerissen, ob das der absolute Wahnsinn ist oder es einen Raketenstart des eigenen Frühstücks auslöst. Der Sound ist extrem laut eingestellt, wie der Lehrer den man damals hatte der dachte, wenn er die Kinder nur laut genug anschreit, werden sie schon die vermittelten Inhalte im Kopf behalten.

Im Video wird erklärt was dunkle Materie ist, wo und wie sie erforscht wird, unter anderem in der Schweiz in der Großforschungseinrichtung Cern. Dort wurde auch das World Wide Web erfunden, um Forschungsergebnisse über die Dunkle Materie schnellstmöglich mit Wissenschaftlern aller Welt zu teilen.

Und nach 45 Minuten war die Reise in die Astronomie beendet und ich muss sagen: Ich bin zwar jetzt kein Astrophysiker, aber ich kann mit gefährlichem Halbwissen um mich schmeißen. Hier eine Kostprobe: Meines Wissens ist Dunkle Materie etwas, von dem wir wissen dass es existiert, obwohl wir es nicht sehen oder messen können. Ungefähr so wie der perfekte Partner oder eine schnellwirkende Diät ohne JoJo-Effekt und Sport. 

Wer mehr wissen möchte, sollte selbst mal das Planetarium Hamburg besuchen und auch für Astronomiemuffel ist es das Erlebnis auf jeden Fall wert.

Lecker Waffel | Foto: Greta P.

14.02 Valentinstags-Rausch

Greta Petrosyan, 13.02.2019

,,Schmetterlinge im Bauch’’ oder doch ,,Schmetterlinge in Hamburg’’: Verliebte und Liebende feiern den Valentinstag am 14. Februar. Der Partner wird an dem Tag verführt und verwöhnt, entweder bei einem Candle-Light-Dinner, oder klassisch mit einem Blumenstrauß zu Hause.


Ich habe fabelhafte Tipps und Trends die du hier in Hamburg direkt nutzen kannst. Morgen ist der Tag der Liebe und auch du hast jetzt die Chance noch was schönes vorzubereiten oder zu planen.

Schokolade
Wie bekanntlich geht die Liebe durch den Magen. Pralinen und Schokolade funktionieren egal zu welchen Feiertagen. Hamburg und Schokolade gehören einfach zusammen, wie Lübeck und Marzipan, wie Las Vegas und Glücksspiel.  Schokovia – Ob Brotaufstriche zum gemeinsamen Frühstück oder kleine bis große Schokoladengeschenke für den Liebsten. Hier findest du den Schokoladenhimmel. Wenn du aber etwas Persönliches schenken möchtest, dann kannst du es bei Chocoversum, Hamburgs Schokoladenmuseum, kreieren. Sollte dich all dies gar nicht beeindrucken, freut sich deine Zuckerschnute auch über was Selbstgekochtes daheim auf der Couch.

Netflix und Chill
Und da wären wir schon auf dem Sofa, gemütlich mit dem Partner. Selbstgekocht oder Fertiggericht ist jedem selbst überlassen. Hauptsache es sieht schmackhaft aus und die Herz-Dekoration mit Rosenblättern auf dem Boden sitzt. Ein Schnappschuss für Instagram und dann wünsche ich euch guten Hunger vor einem guten Film. Filmvorschläge: P.S Ich liebe dich , Wenn Liebe so einfach wäre oder Wie ein einziger Tag .

Gemeinsame Auszeit
Ein bisschen entspannen, einwenig Sauna und Whirlpool hat noch niemanden geschadet. Schnell noch bei booking.com reservieren und den nächsten Tag gemeinsam genießen. Auf der Homepage findest du die zehn besten Wellness-Hotel-Empfehlungen in Hamburg  samt Bewertung.

Blumen
Auch die wunderschönen Blumen dürfen nicht fehlen. Es müssen nicht immer nur Rosen sein, nein, auch Tulpen machen was her. Selbst kaufen oder bestellen und noch am selben Tag geliefert bekommen. In Hamburg ist das jetzt möglich mit Floraqueen.

Leckere Waffel
Rosarote Brille oder Waffel vor den Augen. WonderWaffel in Hamburg City ist einfach nur empfehlenswert. Ungesund und gesund wird eins. Ich kann dir versprechen, von herzhaft bis süß ist alles dabei. Lass dich und deine Liebste mit dem Geschmack verzaubern.

Kolumne-Hamburg wünscht euch allen einen romantischen Valentinstag.
Unbezahlte Werbung wegen Markennennung

Burger aus 1001 Nacht

Der Orient unter dem Express

Kevin M., 14.01.2019

Ich tauche ein in die wohlig, umarmende Wärme des Orients. Curry, Kurkuma und eine leichte Schärfe von Ingwer tänzeln um meine Nase. Entgegen der Erwartung bin ich nicht auf einem arabischen Markt, in einem weit weit entfernten Land. Nein, ich bin im kalten, nassen Hamburg. 

Direkt neben der U-Bahnstation Dehnhaide befindet sich ein Ort der Ruhe. In der Falafel Factory bringt der Song Kel El Omer von Ayman Zbib Ohren und Gaumen in die passende Stimmung. Viele Etablissements wirken durch ihre „perfekte“ Einrichtung zu clean.

Anders ist es beim Interieur dieses Ladens, denn es scheint alles zusammengewürfelt wie aus 1001 verschiedenen Haushalten. Hinter dem Tresen zieren Bilder von Männern mit Turban und Kamelen die Wand. Arabische Laternen, Gläser und Behältnisse sind für die kleine Wüstenstimmung für Zuhause käuflich zu erwerben. Die Bedienung passt charmant ins orientalische Bild, ist sehr freundlich – scheint mit den Bestellungen der acht Personen lediglich leicht überfordert.

Meine Wahl fällt auf den Burger aus 1001 Nacht. Was sofort ins Auge sticht ist das namensgebende SCHWARZE Brot, welches den Abendhimmel widerspiegelt. Darauf als Dekor ein paar Sprossen. Perfekt wäre es, hätte man es mit etwas dekoriert wie Quinoa, so würde der Sternenhimmel optisch ideal dargestellt werden. Das Herz des Burgers, wahlweise Kebab oder Falafel, verliert sich zwischen den beiden schwarzen Kolossen. Der Platz wird genutzt für Kartoffelchips, Schafskäse, eingelegten und frischen Gurken sowie Tomate und Salat. Das alles wird abgerundet von einer leicht pikanten, roten Sauce. Dazu gibt es selbstgemachte Pommes mit Mayonnaise oder Ketchup. Ein erster Biss gräbt sich durch das knusprige Brot, gefolgt von den nicht weniger knuspernden Chips. Die weiche Falafel, sowie der Käse, sind passende Gegenspieler und der knackige Salat sorgt für die nötige Frische.

Alles in allem ist das Gericht eine stimmige Idee und Umsetzung. Gegen meinen trockenen Hals bestelle ich mir einen Minz-Zitronentee. Auch hier wird Frische großgeschrieben, denn in der Tasse mit dem heißen Wasser treiben Zitronenstückchen und Minzblätter gemütlich umher. Das Dessert wird stilvoll in einem Drahtbügelglas serviert. Dabei handelte es sich um eine selbstgemachte Fruchtjoghurtspeise. Sie ist erfrischend und nicht zu süß, so habe ich mich nicht überfuttert gefühlt nach all der Schlemmerei.

Wem jetzt das Wasser im Mund zusammenläuft, aber das Haus nicht verlassen möchte, kann über Lieferando, Foodora oder Deliveroo leckere Speisen der Falafel Factory bestellen. Zudem gibt es einen zweiten Standort in der Sternenschanze.

Wer sich eine kleine orientalische Auszeit gönnen möchte und Fleisch- wie Pflanzenfresser gleichermaßen befriedigen möchte und das in ruhiger Atmosphäre mit guter Anbindung öffentlicher Verkehrsmittel, oder einfach mal eine Abwechslung von Döner und Currywurst braucht: dem kann ich die mittelpreisige Falafel Factory wärmstens ans Herz legen.

Ilona Meyer bei ihrer Leidenschaft; Foto: Kolumne Hamburg

Hairzlich unterschätzt – über das Handwerk des Schneidens

Kevin M., 18.12.2018

Inmitten des tristen, traurigen Ghettos Mettenhof zwischen farblosen Hochhäusern, erstreckt sich ein modernes Einkaufszentrum. Ein Kontrast zwischen Hoffnungslosigkeit und gierigem Kapitalismus? Als hätte man einen schimmligen Müllsack mit einer Rose versehen, um so zu tun als würde man sich für die Müllmänner einsetzen. Ilona Meyer unberührt von dieser, für sie gewohnten Umgebung, öffnet mit verschlafenen Augen und den letzten Fetzen ihres Traumes der vergangenen Nacht ihren Friseursalon.

Der Schlüssel ziert einen Anhänger in Form eines Lockenwicklers. Die Tür geht auf und eine künstliche, geföhnte Luft verbirgt sich dahinter. Gerüche von frisch gewaschenen Haaren und Stylingprodukten sind die letzten Spuren gestriger Arbeit. Noch schnell das Frühstück inhalieren und dann kann es losgehen, denn die ersten Kunden warten schon.

Was auch lange in dieser Branche auf sich warten lies, war der Mindestlohn. Erst 2013 einigten sich die Gewerkschaft ver.di, die Tarifgemeinschaft des Zentralverbandes des deutschen Friseurhandwerks und die Landesinnungsverbände in Würzburg auf einen bundesweiten Mindestlohn. Anfangs lag dieser noch bei 6,50 Euro im Osten und 7,50 Euro im Westen Deutschlands. Heute ist er in Schleswig-Holstein auf 9,50 Euro bis 15 Euro angestiegen, je nachdem welche Entgeltgruppe vorliegt. Das sorgt dafür das die Ausbildung in diesem Handwerk wieder stark an Attraktivität gewinnt. „Dadurch bekommen wir auch Realschüler und junge Leute, die Bock auf den Beruf haben, und sich nicht bewerben weil sie sonst nirgendwo genommen werden. Wir stellen zwar durch die erhöhten Kosten weniger Azubis ein, aber dafür ist auch die Fluktuation geringer: Qualität vor Quantität.“ Ein weiterer positiver Effekt ist die Steigerung der Kaufkraft, dies sorgt für mehr Konsum und mehr Arbeitsplätze durch die erhöhte Nachfrage. Güter und Gehälter werden versteuert und führen zu staatlichem Gewinn. Nicht zu vergessen die Entlastung durch die Ersparnisse der Sozialen Leistungen, die nicht mehr in Anspruch genommen werden müssen.

Doch es hat auch Nachteile wie eine 25 jährige Friseurin und Bloggerin namens Dani auf Gehalt.de berichtet. Einige Salons vermeiden es, die Preise anzupassen, da die Kunden sich an die Billigpreispolitik gewöhnt haben, und somit nicht bereit sind, mehr zu zahlen. Um aber trotzdem profitabel zu sein werden dann die Vorgaben lächerlich hochgesteckt. So müssen teilweise 20 Haarschnitte am Tag geschafft werden. „Das hat nicht mehr viel mit Handwerk zu tun. Das ist fast Fließbandarbeit und macht auch keinen Spaß mehr.“ Eine andere Strategie von Unternehmen um die Unkosten aufzufangen und gleichzeitig flexibel in der Planung zu sein, ist das Einstellen von Teilzeitkräften. Es wird immer schwieriger einen Vollzeitjob zu finden, weil diese einfach zu teuer geworden sind. Abschließend kommt es zum Ausbau der Bürokratie und verursacht damit Ausgaben für den Staat.

Weniger Bürokratie gibt es bei Ilona. Nur kurze Zeit nachdem der Laden geöffnet hat, haben sie und ihre beiden Mitarbeiter alle Hände voll zu tun und der nächste Kunde wartet bereits auf den gepolsterten, grünen Sitzmöbeln mit einem Lifestylemagazin in der Hand. “Morgens ist immer am meisten los“. So verwandelt sich der eben noch ruhige Laden in ein Gewitter von Geräuschen. Das Wasser plätschert, Magazine werden flüchtig durchgeblättert, der Fön schreit unerschöpflich, Klammern und Scheren klicken, die Rollen der Hocker schleifen schwerfällig über den Boden, Schneidemaschinen brummen und summen. Smalltalk und Anekdoten fliegen durch den Raum, die Musik die im Laden läuft ist inzwischen nicht mehr zu hören, nur ein dumpfer Bass der sich unter den Lärm legt. Die Hände reiben feucht aneinander, um Gel und Wachs aufzutragen, Sprühdosen zischen und die Kassen klingeln und scheppern.

Doch all das wird von Ilona inzwischen ausgeblendet, denn sie braucht als Leitung ihre Ohren bei allen Kunden, egal ob es ihre sind, die der Kollegen oder ob sie grade erst durch die Tür kommen. Liebevoll hakt sie sich bei einer alten Dame ein und bringt sie zum Waschbecken. Dort wird ihr ergrautes Haar in warmes Wasser getränkt, Shampoo aufgetragen und einmassiert. Nach der Prozedur wird alles sorgfältig in ein Handtuch eingewickelt und sich wieder eingehakt. Am Frisierplatz setzt sich Ilona auf ihren Hocker, rollt sich vor die Kundin, lächelt herzlich, authentisch und vertraut, stellt sich händeschüttelnd vor und fragt, was sie denn gutes Tun kann. Sofort wird sich an die Arbeit gemacht, elegant swingt sich Frau Meyer mithilfe des Drehstuhls um die Frisur, fast wie ein Tanz mit der Schere, währenddessen wird sich locker und privat unterhalten. „Es ist wichtig, gut mit seinen Kunden reden zu können, fast wichtiger als gut zu schneiden, denn wenn man gut schnacken kann und sich Sympathien entwickeln, wird einem ein schlechter Schnitt eher mal verziehen. Zudem gibt es viele, die mehr wegen der Unterhaltung bei uns sind.“ Die alte Dame betrachtet sich nun lächelnd im Spiegel und richtet behutsam ihre neue Frisur. Sie erhebt sich selbstbewusst aus ihrem Sitz und stolziert zur Kasse. Dabei schwingt ein Gefühl von Glück durch den Raum.

Doch die Menschen die jahrelang für dieses Gefühl sorgten, konnten es selbst aufgrund ihrer Reputation in der Gesellschaft nicht erleben. „Ich habe zur Manta Zeit angefangen und da wurde der Beruf ziemlich zerrissen. Es hieß dann immer-’Oh’ Friseurin dann hast du bestimmt auch einen Mantafahrer als Freund.“ Das Handwerk wurde oft ins Lächerliche gezogen und nicht wirklich wertgeschätzt. „Es wurde besser als unsere türkischen Kollegen das salonfein gemacht haben, denn sie haben ihren Job mit stolz gemacht und das hat sich auf die Kunden übertragen.“ Der Mindestlohn hat ebenfalls für ein höheres Ansehen gesorgt, nicht nur bei den Arbeitnehmern, sondern auch in der allgemeinen Bevölkerung. Dadurch das plötzlich Realschüler und motivierte Azubis in den Läden vertreten waren, wurde der Ruf wieder aufgebessert. Gleichzeitig gab es plötzlich Prominenz in diesem Berufszweig, wie zum Beispiel Udo Walz, der für ein besseres Image sorgte.

„Leider geht der Trend wieder in die andere Richtung, denn durch die ganzen YouTube-Videos machen sich alle zu Experten und haben utopische Vorstellungen. Wenn diese nicht umgesetzt werden, ist natürlich der Friseur Schuld. Viele denken dadurch: was wir machen kann jeder”, erzählte sie mit Enttäuschung in ihren Augen.

Kurz bevor die Routine eintrifft, steht die Ilona  der nächsten Herausforderung gegenüber: Ein kleiner, quengelnder Junge braucht seinen ersten Haarschnitt. Kein Umhang, kein Kamm soll an das müde Kind heran. Er sträubt und windet sich auf dem Schoß seiner Mutter. Mit viel BeHAARlichkeit und ständigem auf ihn einreden, legt er den Kopf auf die Ablage vor sich. Nun kann endlich gekämmt und geschnitten werden, doch die Geduld eines Kindes ist begrenzt wie das Trinkgeld eines enttäuschten Kunden. Doch Ilona bleibt ruhig und freundlich. Die Mutter redet weiter auf ihn ein und in einem kurzen Moment der Stille führt die Friseurmeisterin ihre Arbeit in doppelter Geschwindigkeit durch, aber mit gleichbleibender Präzision. Geschafft! Er hat seinen persönlichen Horror überlebt und seinen ersten Haarschnitt hinter sich, wahrscheinlich wünscht er sich, dass dies auch sein letzter war. Am Ende bekommt er noch eine Urkunde mit seinen abgeschnittenen Haaren. Er ist heute wohl der Einzige, der den Besuch nicht genossen hat.

Wie jeden Abend rechnet Ilona die Kasse ab. Auf ihrem Gesicht ist noch immer ein Lächeln zu sehen und sie strahlt unglaubliche Ruhe aus. Das Wohl ihrer Kunden liegt ihr sehr am Herzen: „Am wichtigsten ist mir, dass die Kunden glücklich sind und eine gute Zeit bei uns haben. Ein Besuch bei uns soll wie ein kleiner Urlaub sein, eine Auszeit vom Alltagsstress.“ Mit diesen Worten schließt sie zufrieden ihr Fahrradschloss auf und schwingt sich aufs Rad. Der Schleier der Dunkelheit arbeitet penibel wie ein Schönheitschirurg und sorgt dafür, dass aus dem Ghetto von heute Morgen ein Ort der Nachtromantik wird.