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Auftanken während Corona: Wohin, wenn die ganze Welt auf Abstand geht?

Jule genießt ihren neu eingerichteten Stadt-Balkon mit Gitarren-Musik, Foto: Kolumne Hamburg.

von Hanah Iris und Julien, 08.09.2020

Auftanken während Corona – geht das überhaupt?? Ein unbekannter Virus, der die Gesellschaft vor neue Hürden stellt… Auswirkungen hat man auf der ganzen Welt gespürt. Aber wo kann man hin, wenn die ganze Welt auf Abstand geht? 

Um mal richtig abschalten zu können, brauchen wir alle einen Ort zum Ruhe-Tanken. Und wie betrifft Corona die, die nicht davon betroffen sind? Wir haben drei Hamburger gefragt.

Die Reise- und Verkehrskauffrau Jule hat uns zu sich eingeladen. Sie ist eine der Corona- Heldinnen, die sich um alles von Kurztrips bis Familien-Urlaub gekümmert hat. Alle Urlaube, die bereits Monate zuvor gebucht waren, mussten von heute auf morgen gecancelt werden. In den Reisebüros hagelte es dementsprechend Kritik am Telefonhörer. „Die meisten Kunden waren sehr verständnisvoll. Aber es gab auch einige, die aufgebracht ihr Geld zurückforderten“, sagt Jule. Eine fordernde Zeit für die Arbeit mit Kunden-Kontakt. Das moralische Dilemma musste man so gut es ging verstecken. Außerhalb des Arbeitslebens galt es den Stress abzubauen. Entspannung hat die junge 22-Jährige für sich selbst neu definiert. Das DIY Projekt (Do It Yourself) „BALKON“ war geboren. Und somit wurde der einfachen Stadtbalkon in eine Maritime Schwebende Oase verwandelt.

Mit dem Flugzeug in ferne Länder zu fliegen – vor Corona nicht wegzudenken.   Hinter jeder Reise steht ein großes Team an Personal. Alex ist als Flugbegleiterin bei der Lufthansa bereits über 25 Jahre dort tätig.   Sie erzählte uns von ihrem Alltag in der Kurzarbeit. „Abgesehen davon, dass ich nicht mehr fliege, hat sich nicht viel geändert.“ sagte sie. „Das einzige was Corona mir genommen hat, sind die ganzen Konzerte auf die ich mich so gefreut habe!   Mein Mann und ich teilen unsere Leidenschaft zur Musik, und gehen seit vielen Jahren regelmäßig auf Konzerte.“

Als Flugbegleiterin, die hauptsächlich lange Strecken fliegt, hat Alex auch im „normalen Alltag“ viel Zeit zuhause.   Sie fliegt Teilzeit; meistens ist sie 3-5 Tage weg, dann wieder knapp eine volle Woche zuhause.  Aktuell muss sie nur etwa alle drei bis vier Wochen die Uniform anziehen. Sie erzählt wie ihr aufgefallen ist, dass viele Menschen in ihrem Wohnort wieder mehr unterwegs sind. „Die Besorgungen wurden eine ganze Weile sehr zielstrebig gemacht. Jeder ist auf dem direkten Wege einkaufen gegangen. Inzwischen spürt man, dass die Menschen rausgehen und sich trauen.“ Eindrücke aus dem öffentlichen Leben teilt Alex auch mit uns. „Ich bin auch schon mit Freunden in der Stadt essen gegangen.  Ich war auch auf ein, zwei Partys. Die waren zwar privat, aber überall mit Sicherheitsabstand.”

Jonathan arbeitet seit Corona im Home Office. Der Kundenbetreuer in der Radiovermarktung hat täglichen Kontakt zu seinen Klienten. Für den Radiomarkt hat Corona viel getan. „Es war wirklich sehr stressig am Anfang“, laut Jonathan, „Stornierung über Stornierung für fast zwei Monate! Und auf einmal ging es bergauf. Inzwischen ist es wieder ganz normales Arbeiten.“ Für ihn lohnt sich das Home Office sehr. „Ich spare jeden Tag zwei Stunden, die ich sonst in der Bahn sitze. Das ist Lebensqualität die ich jetzt auskosten kann.“ Für den 25 jährigen ist diese „aufgeholte Zeit“ wertvoll investiert.  Die Zeit die er gewonnen hat, wird nämlich mit „Selfcare 2020“ gestempelt. 

Ruhe finden kann er im Sport und beim Sonne tanken, besser denn je. „Meine Mutter ist in der Risikogruppe, deshalb fällt mir das schon schwer sie nicht zu sehen, auch wenn sie das ungern akzeptiert“ vertraut er uns an.  „Es ist schon etwas beängstigend wenn du hörst, dass deine Mutter zur Risikogruppe gehört. Da verzichte ich lieber jetzt, und hole dann das liegengebliebene auf wenn´s soweit ist.“ Die Beziehung zu Freunden und Verwanden hat gelitten.  Das macht gleichzeitig die kommenden Treffen etwas Wertvoller. Jonathan erzählt davon, wie er auch in seinem privaten Umfeld auf Abstand achtet, und trotzdem Wege gefunden hat seine Freunde nicht aus dem Auge zu verlieren. „Man telefoniert, oder spielt zusammen Online Spiele. Gemeinsam grillen ist dann auch mal drin, aber dann mit etwas mehr platz zwischen den Stühlen!“

1,5 Meter Abstand oder nicht. Jeder von uns hat auf seine eigene Art und Weise einen weg gefunden mit der Corona-Krise zu leben. Selbstfindung, Gestaltung und Fürsorge sind Begrifflichkeiten die wir neu Entdeckt haben. Jeder für sich allein hat seinen eigenen Ruheort gefunden.